18/06/2020 Nach dem Virus der Tsunami

Gemeinsam gegen das Virus. Geradezu verzweifelt wird in den letzten Wochen der Kitt der Gesellschaft beschworen. Ein Mantra gegen die Angst, denkt der Reporter. Etwas springt aus der Reihe. Wie die Fahrgäste der S-Bahn, die hektisch aufstehen, in sich gekehrt, wortlos einen freien Platz suchen, weil ihnen vermeintlich jemand zu nahe kam.

Ruhe vor dem Sturm

Das spürt der Reporter plötzlich, als er Jana Mever zuhört. Mit gerade mal 32 Jahren ist sie eine der energiegeladenen jungen Leitungskräfte der Diakonie Hamburg-West/Südholstein. Wie gut die Neuen den Einrichtungen tun. Der Reporter sagt damit nichts gegen die Alten, die fast alle jünger sind als er. Wer früh Verantwortung tragen darf, gibt das Vertrauen doppelt zurück. Wenn das die Rechnung ist, scheint sie aufzugehen.

Die Leiterin der Tagesaufenthaltsstätte für Wohnungslose in Norderstedt erzählt von den Improvisationen, die nötig waren, um den Kontakt zu den Notleidenden nicht abreißen zu lassen. Aus dem Kellerfenster heraus habe man warme Mahlzeiten verteilt. Und dann sagt sie: „Ich erwarte so etwas wie einen Tsunami. Eine Welle von Bedürftigkeit. Wir beobachten gerade, was es bedeutet, wenn eine Sicherheit nach der anderen zerbricht.“ Vielen ginge es jetzt so. Wer kurzarbeiten muss, dem gehe die Puste aus. Die Kosten laufen weiter. Auch die Miete für die Wohnung, die während des Shutdowns gestundet wurde. Das summiert sich jetzt.

Leben am Abgrund

Der Wohnungsmarkt in Norderstedt sei schon lange leergefegt, jetzt werde es auch auf dem Arbeitsmarkt eng. Für viele werde die Kurzarbeit der Vorgeschmack auf den Stellenverlust, vermutet die Sozialberaterin. Das gehöre zu den schwer abzuschätzenden Virus-Folgen.  Arbeit und Wohnungen hat sie nicht im Angebot. Aber guten Rat, also mehr als warme  Worte. „Wenn die Betroffenen früh genug kommen, können wir oft noch das Schlimmste abwenden. Wir sind hier in der Stadt gut vernetzt.“

Gefragt, was unbedingt noch ins Blog gehört, wünscht sich Jana Meyer ein Lob Ihres Teams: „Wie alle mitgezogen haben, das war klasse.“ Das ist doch ein versöhnliches Ende, denkt der Reporter beim Abschied. Irgendwie beunruhigt macht er sich auf den Weg in sein Büro.

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