Entladen des Tafel-Lieferwagens Foto:S. Moes

Helfer in der Not

Fast einhundert prall gepackte Taschen mit Lebensmitteln haben die ehrenamtlichen Helfer*innen aus dem Lieferwagen der Hamburger Tafel geholt und vor dem Gemeindehaus der St. Michaels Kirche in Iserbrook aufgereiht.

Jetzt nehmen sie noch einen Kaffee. „Ich tue hier etwas für die alten Leute im Viertel,“ erklärt Margret. Sie hat Kuchen mitgebracht und verrät ungefragt, sie sei 93 Jahre alt. Voll die Risikogruppe: gut, dass sie allein lebt und selbst entscheidet, wohin sie darf. „Margret organisiert alles für unser Wohlbefinden“, erzählt Lisa. Sie ist vorzeitig in Rente. „Ich bin auf die Tafel angewiesen, nicht nur wegen der Lebensmittel.“ Normalerweise hilft die 60-Jährige, einen Stand mit dem Angebot der Tafel aufzubauen. Lisa erzählt, wie sie beim Verteilen der Lebensmittel bedürftige Menschen ansprechen, aus der Einsamkeit locken und mit ihnen feiern.

Geht´s gut. Ja, es geht gut.

Jetzt stehen die Wartenden über das Kirchengrundstück verteilt, vereinzelt, auf Abstand.  Jede bekommt eine Tüte. „Nein, nicht zwei, nur eine“, erklärt Annette, die seit 13 Jahren beim Essenverteilen mitmacht. Sie stellt eine Tüte auf einen Tisch, tritt zwei Meter zurück, die Bedürftige geht nach vorn und holt sie sich. „Geht´s dir gut“, ruft Annette. Ja, es geht gut.

Ein Mann hat keine Maske dabei. Annette will wissen, ob er mit dem Bus gekommen ist. Er führt einige kurze Schritte vor. „Aha, zu Fuß“, sagt Annette. Seit fünf Jahren lebe er mit seiner Familie in Hamburg, erfährt der Reporter. „Der junge Mann kümmert sich rührend um seine Kinder“, weiß Margret.

Sprachlose Armut

Vor kurzem begleitete der Reporter Helferinnen der Obdachlosentagesstätte MAhL ZEIT in Altona, die auf Weisung der Stadt geschlossen ist. Ihre Gäste fanden sie auf den Treppen am Altonaer Bahnhof. Polizeibeamte schritten ein, wenn sie sich zu nahe kamen. Auch dort viel Dankbarkeit über Tüten mit dem Lebensnotwendigsten. Menschen brauchen nicht viel, dachte der Reporter. Aber wer sich über bescheidene Gaben so ausgiebig freut, hat sich wahrscheinlich aufgegeben. Und was erzählt ein fürsorglicher Vater seinen Kindern, wenn er in der Unterkunft die Konserven auspackt, über die Stadt, in der er lebt, ohne Deutsch zu sprechen? Die Maßnahmen gegen das Virus machen augenfällig, was es bedeutet, arm zu sein. „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“, fällt ihm Bertolt Brecht ein. Ratlos schwingt sich der Reporter aufs Rad. „Abstand ist die neue Nähe“, liest er auf einem Plakat. Könnte von mir sein, denkt er und tritt in die Pedale.

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