Nicht nur überleben

Als vor acht Wochen Tischler ein Regal im Haus der Kirche in Hamburg Niendorf ausliefern
wollten, begriffen sie plötzlich, wie sehr die Maßnahmen gegen das Corona-Virus ihren Alltag verändern würden. Das Gebäude war für Besucher geschlossen. Drinnen wienerten, putzten und wischten Frauen Klinken, Tische und Abstellflächen. Eine seltsame Atmosphäre… bis sich
eine Mitarbeiterin ein Herz fasste: sie ließ die Handwerker das Regal aufstellen.

Andrea Makies, Geschäftsführerin der Diakonie Hamburg-West/Südholstein, findet genug
Argumente es so zu machen. Wichtiger sei jedoch, dass in den Einrichtungen offen
gesprochen werden kann. „Wir lernen während wir entscheiden. Den offenen Blick müssen
wir uns erhalten.“

Denken vom Worst Case her

Denn das gesellschaftliche Klima ist rauher geworden. „Verschwörungstheoretiker“ gewinnen Anhänger. Zu solchen werden auch Menschen gestempelt, die „in Zeiten des Virus“ weiterhin kritisch denken. Die Journalistin Jana Simon portraitiert in der aktuellen Ausgabe des Zeitmagazins eine angesehene Virologin. Unbefangen sprach sie im Radio aus, was in der Forschung keine Außenseiterposition ist: das Corona-Virus sei „kein Killer“. Es sei nicht nötig, Kitas und Schulen zu schließen und sogar Kinderspielplätze zu sperren. Ein gewaltiger „Shitstorm“ in den sozialen Medien war die Folge. Das Radio distanzierte sich von ihr.

Die Maßnahmen orientieren sich am Worst Case. Ausschließen, isolieren. Viele wagten nicht, ihre Angehörigen zu besuchen. Vor Supermärkten, in Buchläden: Überall werden wir zur Desinfektion angehalten. Fast überall sollen wir tragen, oft auch Handschuhe. Viele zweifeln. Und trauen sich nicht, darüber zu sprechen.

Herausgeforderte Kirche

Beraterinnen und Berater sollten „zeigen, dass wir ein Netz der Nächstenliebe wirklich knüpfen können.“ So zog Diakonie-Präsidenten Ulrich Lilie die Linie, an der sich Beratung orientieren muss. Der Umgang mit den Schwachen sei für die Kirche entscheidend, betonten die Bischöfe der Nordkirche. „Möglicherweise wird hier bereits die Kirche von morgen sichtbar, die sich ohnehin in neuen Formen vollzieht. Eine Kirche, die existenziell herausgefordert ist durch gesellschaftlichen Wandel.“

So wie die Diakonie lernte auch die Kirche. Blieben Ostern die Kirchen zu, probieren Gemeinden zu Pfingsten einen kreativen Umgang mit der Krise: „Gottesdienst im Garten des Pastorats. Die aktuellen Regeln bezüglich des Corona-Virus sind einzuhalten.“ Das könnte es sein: Die Regeln so anwenden, dass sie Leben ermöglichen.

 

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