Die fast leeren Zeitungsständer schreien nach der Schlagzeile Virus killt Printmedien, überlegt der Reporter. Vor kurzem las er auf der BILD Zeitung: Wann wird es wieder wie früher? Ist früher, als nikotingebräunte Finger eine Zeitung aus dem Ständer zogen und dem Mann im Kiosk 50 Pfennig zuschoben? Oder ist früher, als Seminarteilnehmer*innen noch im Kreis zusammen saßen statt auf zwei Meter Abstand im Raum verteilt?
Das eine tun und das andere nicht lassen
Auf diese Weise trafen sich die Leiter*innen der diakonischen Beratungsstellen während ihrer Tagung Anfang September in Breklum zum Plenum. Thema: Digitalisierung. Er wurde ein offener Austausch, teils face to face, teils mit neuen digitalen Techniken. Hybride Anwendungen könnten der Renner werden. Mit der Digitalisierung hat die Pandemie etwas angestoßen, das in der Luft lag. Und die Sorge, Menschen ohne Zugang zu digitalen Medien würden abgehängt? „Es gibt keinen Zwang zur Digitalisierung, aber einen gewissen Druck. Und den machen auch Klient*innen,“ erklärt Maren von der Heyde, die Diakoniepastorin, „da ist jede Einrichtung anders gefordert.“
Flexible Menschen werden jetzt noch flexibler. Klient*innen machen sich unabhängig von Sprechstunden, Beratende arbeiten gern mal zu Hause. „Im Großraumbüro muss man fremde Telefonate mithören, Kolleginnen kommen und gehen, es gibt soziale Kontrolle. Allein zu arbeiten hat dann was,“ sagt Andrea Makies, kaufm. Geschäftsführerin. „Wir prüfen den rechtlichen Rahmen, damit mobiles Arbeiten eine Option wird.“
Offen und verantwortlich handeln
In der Viruskrise sitzen Beratende und Beratene in einem Boot. Sie müssen eigene Ängste beherrschen und zugleich mit ängstlichen Menschen umgehen. Besonders in der Anfangszeit hätten die Behörden mit strengen Auflagen und Strafandrohungen Angst verstärkt. Die Schließung des Gebäudes mit fast allen Pinneberger Beratungsangeboten wegen eines Verdachtfalls, sei in der Rückschau eine Überreaktion, erklärt die Diakoniepastorin. Zufrieden registriert sie eine wachsende Achtsamkeit. „Wir müssen Verantwortung für uns und andere übernehmen. Aber auch akzeptieren, dass es keinen hunderprozentigen Schutz gibt. Es hat keinen Sinn, nach Schuldigen zu suchen, wenn ein Virus umgeht. Bei aller Vorsicht müssen wir offen bleiben.“
Früher hieß Abstand noch Entfernung und Nähe noch nicht Gefahr, denkt der Reporter. Es wird uns einiges zugemutet. Und plötzlich spürt er zum erstenmal, was es bedeutet, einer Risikogruppe anzugehören.
Wer aus der Wohnung nebenan immer wieder laute Streitereien des dort lebenden Paares mitbekommt, die in Wutausbrüchen des Mannes enden, fragt sich: Kann das Liebe sein? Wer es dann nicht mehr aushält und abwartet, bis der Mann aus dem Haus geht, um der Frau Hilfe anzubieten, wie es der Reporter vor langer Zeit einmal tat, kann eine schockierende Erfahrung machen.
Gemeinsam gegen das Virus. Geradezu verzweifelt wird in den letzten Wochen der Kitt der Gesellschaft beschworen. Ein Mantra gegen die Angst, denkt der Reporter. Etwas springt aus der Reihe. Wie die Fahrgäste der S-Bahn, die hektisch aufstehen, in sich gekehrt, wortlos einen freien Platz suchen, weil ihnen vermeintlich jemand zu nahe kam.