Die Armut abschaffen

Darf man Spenden annehmen und trotzdem seinen Ärger über die Abhängigkeit von Geschenken formulieren? Würde eine kritische Äußerung Spender von ihrem notwendigen Tun abbringen? Susanne Alms de Ocana fragt sich das während des Gesprächs über ihre Arbeit im Schatten des Corona-Virus. Ihr ist anzumerken, wie es in ihr arbeitet.

Normalerweise findet sie der Besucher im Büro der Stadtteildiakonie Sülldorf/Iserbrook auf dem Gelände der Kirche. Dort hängt jetzt der Hinweis: bitte rufen Sie an. Die Menschen machen davon Gebrauch. Fast pausenlos telefoniert die Diakonin im Home Office.

Klima der Angst

Bei allem, was man tut oder nicht, spielt in diesen Zeiten Angst eine Rolle. Niemand möchte andere Menschen mit der Grippe anstecken. Wer sich schützt, zeigt damit zugleich seine Verantwortung für andere. Wenn die Bedürftigen freitags zur Essensausgabe kommen, freut sich Frau Alms de Ocana, dass es immer mehr werden. Anfangs kamen 20, am Freitag letzter Woche rund 100. Schön, dass sie sich vor die Tür begeben, raus aus der Isolation, denkt sie. Sie weist auf die Markierungen auf dem Boden hin. Aber das ist überflüssig, merkt sie schnell. Die Menschen raben die Regeln verinnerlicht. Und dann freut sie sich, wenn alle schnell wieder gehen.

Im allgemein von Angst bestimmten Klima ist es schon mutig, wenn ein Lehrer („ich habe jetzt Zeit genug“) für eine an der Corona-Grippe erkrankte Mutter mit vier Kindern einkauft. Die Kranken dürfen nicht raus. Sie leiden. Mehr unter der Quarantäne als unter den Symptomen, die zum Glück mild bleiben.

Corona zeigt Ausmaß der Armut

Frau Alms de Ocana erzählt, was es heißt, vom Regelsatz der Sozialhilfe zu leben. Wer davon ausgeht, wie die Beamten, die den Bedarf berechnen, dass man für zwei Euro ein Mittagessen kochen kann, hat schon lange nicht mehr eingekauft. jetzt, wo Schulküchen und Tafeln geschlossen bleiben, geht alles für Mahlzeiten drauf.

Eine Schülerin braucht einen Computer. Dafür gibt ihr das Amt 150 Euro. Kein Händler gibt ihr dafür einen Rechner. Ein Drucker (die Schule lässt die Kinder nichts drucken) und Druckerpatonen fehlten dann noch. „Jetzt wird das Ausmaß der Armut deutlich. Ich finde es unerträglich, wie sich der Staat zurückzieht,“ sagt die Beraterin. Der gute Wille der Spender werde missbraucht. Und die Beschenkten schämten sich für ihre Abhängigkeit von den Wohlhabenden. Der Staat muss seine Verantwortung erkennen, was da in ihr arbeitet, ist ihre Ungeduld: Zeit, etwas gegen die Armut zu tun.

Ein Gedanke zu „Die Armut abschaffen

  1. Nils Baudisch

    Ein sehr schöner Blog mit interessanten Fragestellungen! Viele der Themen sind ja auch schon ohne den Corona-Bezug wirklich spannend. Bei diesem konkreten Thema musste ich an einen Vortrag von Thomas Gebauer denken: Die Zweischneidigkeit des Helfens. Hier kann man ihn nachhören:
    https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/utopie-die-zweischneidigkeit-des-helfens

    Besonders im Kopf ist mir das Petalozzi-Zitat geblieben: „Wohltätigkeit ist das Ersaufen des Rechts im Mistloch der Gnade.“ Alles sehr ambivalent, aber so ist es in der Sozialen Arbeit ja oft.

    Ich freue mich schon auf die nächsten Blog-Beiträge!

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