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Früher oder später

Die fast leeren Zeitungsständer schreien nach der Schlagzeile Virus killt Printmedien, überlegt der Reporter. Vor kurzem las er auf der BILD Zeitung: Wann wird es wieder wie früher? Ist früher, als nikotingebräunte Finger eine Zeitung aus dem Ständer zogen und dem Mann im Kiosk 50 Pfennig zuschoben? Oder ist früher, als Seminarteilnehmer*innen noch im Kreis zusammen saßen statt auf zwei Meter Abstand im Raum verteilt?

Das eine tun und das andere nicht lassen

Auf diese Weise trafen sich die Leiter*innen der diakonischen Beratungsstellen während ihrer Tagung Anfang September in Breklum zum Plenum. Thema: Digitalisierung. Er wurde ein offener Austausch, teils face to face, teils mit neuen digitalen Techniken. Hybride Anwendungen könnten der Renner werden. Mit der Digitalisierung hat die Pandemie etwas angestoßen, das in der Luft lag. Und die Sorge, Menschen ohne Zugang zu digitalen Medien würden abgehängt? „Es gibt keinen Zwang zur Digitalisierung, aber einen gewissen Druck. Und den machen auch Klient*innen,“ erklärt Maren von der Heyde, die Diakoniepastorin, „da ist jede Einrichtung anders gefordert.“

Flexible Menschen werden jetzt noch flexibler. Klient*innen machen sich unabhängig von Sprechstunden, Beratende arbeiten gern mal zu Hause. „Im Großraumbüro muss man fremde Telefonate mithören, Kolleginnen kommen und gehen, es gibt soziale Kontrolle. Allein zu arbeiten hat dann was,“ sagt Andrea Makies, kaufm. Geschäftsführerin. „Wir prüfen den rechtlichen Rahmen, damit mobiles Arbeiten eine Option wird.“

Offen und verantwortlich handeln

In der Viruskrise sitzen Beratende und Beratene in einem Boot. Sie müssen eigene Ängste beherrschen und zugleich mit ängstlichen Menschen umgehen. Besonders in der Anfangszeit hätten die Behörden mit strengen Auflagen und Strafandrohungen Angst verstärkt. Die Schließung des Gebäudes mit fast allen Pinneberger Beratungsangeboten wegen eines Verdachtfalls, sei in der Rückschau eine Überreaktion, erklärt die Diakoniepastorin. Zufrieden registriert sie eine wachsende Achtsamkeit. „Wir müssen Verantwortung für uns und andere übernehmen. Aber auch akzeptieren, dass es keinen hunderprozentigen Schutz gibt. Es hat keinen Sinn, nach Schuldigen zu suchen, wenn ein Virus umgeht. Bei aller Vorsicht müssen wir offen bleiben.“

Früher hieß Abstand noch Entfernung und Nähe noch nicht Gefahr, denkt der Reporter. Es wird uns einiges zugemutet. Und plötzlich spürt er zum erstenmal, was es bedeutet, einer Risikogruppe anzugehören.

Die nächsten Schritte

Im Nachhinein werde sichtbar, welche Chancen der Lockdown eröffnete. Digitale Treffen machten es leichter, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, erzählt Maren von der Heyde. Das hätte manch einer als Segen empfunden: man begegne sich sachlich, käme schneller zu Ergebnissen. Körperliche Distanz im professionellen Umfeld habe auch ihr Gutes, betont die Diakoniepastorin. Der Reporter stimmt ihr zu. Er spürt dennoch ein Unbehagen.

Vor ein paar Tagen fragte die BILD Zeitung: Wann wird es wieder wie früher? Die Sehnsucht ist so verständlich wie vergeblich. Geschichte wird gemacht, es geht voran. Am 3. und 4. September treffen sich Einrichtungsleitende in Breklum. Face to Face trotz Corona. Ist das ein Statement?

Die Suche nach dem rechten Maß

Digitalisierung sei kein Allheilmittel, sagt Frau von der Heyde. Ebenso wenig käme ein Verzicht auf Digitalisierung in Frage. Alle Einrichtungen werden eine Strategie entwickeln müssen. Das Treffen diene auch zum Austausch von Erfahrungen. So habe es sich gezeigt, wie problemlos sich Fortbildungen online organisieren lassen. Der Vorteil liege auf der Hand: Zeitgewinn, Konzentration auf das Wesentliche. Die Diakonie Hamburg-West/Südholstein werde ihr Fortbildungsangebot digital erweitern. Sicher werde es häufiger zu hybriden Veranstaltungen kommen, bei denen sich Teilnehmer*innen von Außen dazuschalten.

Im Suchthilfezentrum Lukas in Lurup zum Beispiel, gelinge es online besser, an bestimmte Klienten heranzukommen. Der Kontakt per Mail ist niedrigschwelliger als eine Anmeldung über das Büro und das Hingehen. Dem Reporter wird klar, als Fußgänger gehört er auf die Liste der gefährdeten Arten.

Raus aus der Angst

Alarmierend viele Menschen scheinen jedoch die Kommunikation einzustellen. Selbst junge Menschen verließen die Wohnung nicht, aus Furcht vor Ansteckung. Wege aus der Vereinsamung zu finden, sei auch eine diakonische Aufgabe, sagt die Diakoniepastorin. Lösungen werden gesucht. Das Projekt TAS to go  der TAS Pinneberg ist ein bemerkenswerter Ansatz. Die Diakonie macht sich auf den Weg zu den Menschen.

Das Virus unterscheidet nicht zwischen Beratenden und Beratenen. Wer soziale Arbeit verrichtet, hält sich selbst in der Regel nicht für betroffen. Jetzt stehen Einrichtungsleitungen vor dem Phänomen, dass Beratende auf Abstand bestehen und zugleich Ratsuchende fernblieben, aus Angst sich anzustecken. Verständliche Reaktionen, sagt Maren von der Heyde, sie müssten in eine neue Balance kommen. Sie sehen, wir haben uns einiges vorgenommen. Das Nicken des Reporters am anderen Ende der Leitung sieht sie nicht.

 

 

DIe Würze der Kürze

Der Reporter soll in 270 Zeichen die Beraterin Sheida Yavari portraitieren, für die Website der diakonischen Einrichtung Flüchtlings- und Migrationsarbeit. Das muss fix gehen. Aber er würde das nie nur per Telefon machen.

Seit dem 3. August arbeitet Sheida Yavari in der Notunterkunft Fadens Tannen. Wie ihre Kollegin nebenan lässt sie das Bürofenster weit offenstehen: eine Einladung an die Rat Suchenden. Die können ohne Maske, auf Abstand und doch so nahe, dass niemand mithören kann, Ihr Anliegen besprechen.

Die Notunterkunft als Schonraum

Hier leben Menschen, für die Wohnungen fehlen; denen aber mehr fehlt als die Wohnung.
Manche der obdachlosen Männer, die hier untergebracht sind, wissen nicht mehr, wie wohnen geht. Alkohol spielt in ihrem Alltag eine große Rolle. Und dann sind da Familien, die – meistens aus Syrien – 2015 nach Deutschland flüchteten. Kriegsflüchtlinge, die aus ihrem Alltag
herausgebombt, vom Lagerleben geprägt sind. Für sie ging alles zu schnell. Die Unterkunft
ermöglicht ihnen, weiterhin in ihren gewohnten Strukturen zu leben, beobachtet die Beraterin.

Schminke als Zeichen der Emanzipation

Sheida Yavari bekam 2016 politisches Asyl. Im Iran gehörte sie der kurdischen Minderheit an. Der Iran sei ein Land, in dem traditionelle, alte Männer die Macht festhalten. Die Zukunft, so hofft sie, gehöre den Frauen. Sie bildeten bereits die Mehrheit der Studierenden
an den Universitäten. Dezent geschminkt, mit lebendigen dunklen Augen, verkörpert
sie geradezu den Behauptungswillen der modernen Frauen in ihrer Heimat. Ihr Vater wurde
vor 16 Jahren Opfer eines Anschlags. Sie vertrat als Rechtsanwältin Oppositionelle vor Gericht. Als ihr selbst das Gefängnis drohte, verließ sie das Land.

„Im Iran forderte ich Frauen- und Bürgerrechte. Hier genieße ich sie,“ erklärt Sheida Yavari. Es sei viel Geduld und Zuwendung nötig, den Familien, vor allem den Männern, diese Werte zu vermitteln. Die Sprache zu lernen, um die deutsche Kultur zu verstehen, sei das Wichtigste und das Schwerste, weiß die Mittdreißigerin aus eigener Erfahrung.

Nach mehr als einer Stunde raucht dem Reporter der Kopf. Am Telefon hätte sich kein so intensives Gespräch ergeben. Zum Glück gibt es den Blog. So kann er wenigstens ein bisschen von dem, was er erfahren hat, weitergeben. Nur Corona war kein Thema. Auch mal gut.

Öffentliche Ärgernisse

30 Menschen finden im Speisesaal des MAhL ZEIT Platz. Viel weniger als vor Corona, denn es gelten nach wie vor strenge Hygieneregeln. Jetzt in der Mittagszeit steht der Reporter mit den Obdachlosen an der Tür und hält die Hand auf, für einen Spritzer Desinfektionsmittel. Er hat einen Termin mit der Leiterin, Marion Laux. Eine Frau wie der Duracell-Hase. Ständig auf dem Sprung, weiß sie, wo die Hundefutterdosen lagern und wird geholt, wenn der Typ wieder auftaucht, der alle beschimpft, weil es hier Schweinefleisch zu essen gibt. Höflich, aber bestimmt zeigt sie ihm den Ausgang. „Wir sind kein Restaurant. Hier wird gegessen, was auf den Tisch kommt.“

Die Gäste kommen zum Reden und weil hier gut gekocht wird

„Und was die Spender uns geben,“ fügt sie hinzu. Frau Laux traf der Reporter schon öfter. Er ist Fußgänger und hat es nicht weit. Noch wichtiger: hier wird face to face geredet – Klartext, trotz Maske, auf den Punkt. Gerade ärgert sich die Leiterin der Tagesstätte über den Norddeutschen Rundfunk. Im Hamburg Journal zeigt die Autorin Marika Williams ein Problem auf: Menschen ohne Dach über dem Kopf betrinken sich vor dem Bahnhof. Es wird laut, als die Sozialarbeiterin – vor laufender Kamera –  provozierend herumkoffert. So etwas stört Frau Laux: „Wir sind oft am Bahnhof Altona und wurden nicht einmal beschimpft.“

Ärgerlich: Nur MAhL ZEIT hat geöffnet

Die im Beitrag des NDR genannten Hilfsstellen seien immer noch geschlossen, kritisiert sie. Es sei kein Wunder, dass die Menschen nach Plätzen suchen, wo sie sich treffen können. Das ist der Autorin des NDR Hamburg Journal aber kein Wort wert. Sie will offensichtlich auf eine bedrohliche Situation für die Bahnreisenden und die Einkaufenden hinweisen. Aber die Altonaer, die sie interviewt, widersprechen dem Bild, das sie malt. Sie finden Armut skandalös, nicht aber arme Menschen. Und es spricht für die Redaktion und die Autorin, dass sie die kritischen Stimmen nicht unterschlagen.

Auch Stammgäste der MAhL ZEIT sitzen am Bahnhof. Mit vollem Bauch. Denn, wie gesagt, im MAhL ZEIT gibt es etwas Warmes. Darf man Frau Laux mit dem Duracell-Hasen vergleichen? sinniert der Reporter. Na ja, wenn es der Wahrheitsfindung dient,“ nickt Marion Laux und dann lacht sie, „aber schöner wäre es, wenn die Anderen auch dran denken könnten, wo das Hundefutter lagert.“

Hier können Sie sich den Beitrag des NDR Hamburg Journal ansehen

Blog: Niemals ratlos

Jede Teilnehmerin zählt

Wenn nur zwei Teilnehmerinnen zu einer Veranstaltung über Stalking kommen, muss einiges schief gelaufen sein, denkt der Reporter vor dem Gespräch mit Patchwork. Aber Corona verschiebt Wertmaßstäbe. Der Auftakt am Montag Abend im Café Kompass in Hamburg Ottensen sei ein Erfolg, erklärt Annette von Schröder, Beraterin von Patchwork. „Wir wollten schon auf die Kompass Café-Abende verzichten, aber dann dachten wir: Jede Frau, die kommt, zeigt, dass auch jetzt persönliche Kontakte wichtig sind. Das macht Mut.“

Hand in Hand gegen häusliche Gewalt

Veranstaltungsreihen plant man nicht mal eben so. Das Patchwork-Team arbeitete mehrere Monate an einem schlüssigen Konzept; unterstützt durch Spenden der NDR-Aktion „Hand in Hand für Nordeutschland“. An sechs Terminen werden jeweils sechs Schwerpunktthemen im Bereich Häusliche Gewalt und Stalking vorgestellt und in lockerer Runde besprochen. Sie wollen Frauen erreichen, die anfangen, sich mit der Problematik zu beschäftigen. Gezwungenermaßen, wie die Teilnehmerin, deren Ex-Partner noch Wochen nach der Trennung jeden Abend vor ihrer Haustür steht. Wo hört Trennungsschmerz auf, ab wann muss er als Stalking gewertet werden?

Darüber lässt sich auch zu dritt gut sprechen. Das Café Kompass war gerade eingerichtet, da  machten gläserne Trennwände und Desinfektionsmittel der Gemütlichkeit ein Ende. „Damit können wir leben,“ sagt Frau von Schröder. Das Café sei immer noch ein angenehmer Ort für persönliche Kontakte. „Die Nähe, die wir hier trotz Coronaregeln haben, kann kein Telefongespräch bieten.“ Hier sei es auch möglich, unter sicheren Bedingungen systemische Beratungen durchzuführen.

Corona spendet Zeit

Der lange Lockdown wegen Corona habe auch positive Auswirkungen, erzählt die Beraterin. Das zeigten die 14 Frauen, die ehrenamtlich Telefon-Beraterin in Konflikten mit häuslicher Gewalt werden wollen. Normal waren bisher sieben Bewerbungen. „Wir vermuten, dass der gedämpfte Alltag, die geringeren Möglichkeiten, ins Kino oder ins Konzert zu gehen, die Entscheidung zum ehrenamtlichen Engagement verstärkt.“

„Diese Reihe führen wir bis zum Ende durch, auch wenn nur eine Interessentin kommt. Was dann kommt, ist offen, sagen sie bei Patchwork.“ Luft genug nach oben ist jedenfalls, sinniert der Reporter und nimmt sich vor, mit anderen Einrichtungen über die Zukunft von Info-Abenden zu sprechen.

Die verbleibenden fünf Veranstaltungen.

Sommerpause

Der Reporter ruht sich aus. Er schreibt nicht. Er denkt.

Wie soll es im Blog weitergehen? Soll die konkrete Beratung im Vordergrund stehen?

Sollen sozialpolitische Fragen aufgeworfen werden?

Denken Sie mit. Regen Sie an. Tür öffnet für Ihren Beitrag. Schreiben Sie einen Kommentar.

Born2play im Osdorfer Born

„Spielen ist ein Experimentieren mit dem Zufall“, hat mal ein kluger Mensch der Romantik gesagt. Zu Beginn des Projekts Born2Play standen weniger der Zufall als vielmehr gute Planung und der Mut, nach dem Corona-Lockdown unter den strengen Vorgaben der Stadt einen Neuanfang in der Kinder- und Jugendarbeit am Osdorfer Born zu wagen.

Die Initiatorinnen des Mitmachzirkus ABRAX KADABRAX planten und arbeiteten schnell: es galt Kooperationspartner*innen zu finden, gemeinsam zu brainstormen, zu sehen, was (nicht) geht, sich klare Ziele zu stecken und schließlich einen Finanzierungsantrag an das Bezirksamt Altona zu stellen, der hoffentlich in seiner vollen Höhe genehmigt wird.

Brot und Spiele…

Dann gäbe es sowohl für die Organisator*innen, Eltern und vor allem für die Kids am Born den ganzen Sommer über und bis in den Herbst hinein ein greifbares, sichtbares und spielbares Angebot! So sehr Groß und Klein die aktuelle Situation auch herausfordert, zeigt sie am Beispiel von Born2play vorbildlich, dass flotte und leichte Arbeit Hand in Hand mit den Jugendhilfeträger*innen und den Behörden heute und in Zukunft möglich ist.

… Zuckerbrot und Peitsche…

Schon am ersten, leider verregneten Nachmittag des Ferienprogramms probierten zehn bis fünfzehn Kinder die Hüpfmatte und diverse Spielgeräte aus. Ein paar Väter und Mütter setzten sich an den Rand, um miteinander zu sprechen und überließen nach einer anstrengenden Lockdown-Zeit sichtlich gerne für eine Weile ihren Nachwuchs der engagierten Aufsicht der spielwütigen Pädagogen. Der Kinderzirkus ABRAX KADABRAX organisiert das Ferienprogramm zusammen mit dem Bürgerhaus Bornheide, dem Spielhaus sowie weiteren Einrichtungen aus dem Stadtteil für SOL (Sozialräumliche Angebote in Osdorf und Lurup).

… Spiel des Lebens?

Zum zweiten Termin des zweimal wöchentlich stattfindenden Spieleprogramms hatte es auch endlich das Wetter begriffen: Diese Kinder sind nicht aus Zucker, sondern aus Hamburgs Westen! Bei strahlendem Sonnenschein experimentierten sie beinahe ohne Scheu zusammen mit den Zirkuspädagog*innen, einen Teller auf einem Stock zu balancieren, sich auf einem Pedalo fortzubewegen oder zusammen eine Riesenkugelbahn aufzubauen. Ganz nebenbei haben so die Osdorfer Kinder den Zufall in ihre Welt eingeladen. Eine Welt, die zurzeit wohl gleichermaßen von Vorgaben, Bestimmungen und neuen Gesetzen eingeschränkt ist wie die von uns Erwachsenen.

Christine Kruse, Carolin Schulz, Sylvia Golder sind die Autorinnen dieses Textes. Der Reporter dankt. Wie wäre es, wenn auch andere Expertinnen und Experten der Diakonie-HHSH solche Einblicke in ihre Praxis böten?

Beratung als Gegengift

Wer aus der Wohnung nebenan immer wieder laute Streitereien des dort lebenden Paares mitbekommt, die in Wutausbrüchen des Mannes enden, fragt sich: Kann das Liebe sein? Wer es dann nicht mehr aushält und abwartet, bis der Mann aus dem Haus geht, um der Frau Hilfe anzubieten, wie es der Reporter vor langer Zeit einmal tat, kann eine schockierende Erfahrung machen.

 

Die Nachbarin wehrt die Hilfe ab, verbittet sich die Einmischung und behauptet, alles sei Ordnung. Sie betont das eindringlich, dass klar war, sie würde auch der Polizei erzählen, sie sei gegen die Türe gerannt.

Frauen, die Opfer von häuslicher Gewalt werden, stecken häufig in einer Beziehungsfalle. Streitereien steigern sich bis zu einem Ausbruch mit massiver Gewalt. Der Schreck darüber führt zu Entsetzen und Reue und auch Nähe. Die Frau hofft, es könnte sich doch noch alles zum Guten wenden.

Du bist schuld

„Wenn Frauen in der Beratung erkennen, dass sie sich in einer Gewaltspirale befinden, machen sie den ersten Schritt zur Befreiung aus dieser Situation,“ sagt Annette von Schröder von der Beratungsstelle Patchwork in Hamburg Ottensen. „In der Gewaltspirale komme es nach der Reue und Nähe oft zur Schuldumkehr: ´Hättest Du Dich besser verhalten, dann wäre es nicht zur Gewalt gekommen.´ So beginnt der Kreislauf von Neuem.“

Die Täter schaffen es, den Frauen immer wieder Hoffnung zu machen. So versperren sie die Wege aus der Gewaltbeziehung.

Der Lockdown im Zuge der Virusbekämpfung hat in Hamburg aller Wahrscheinlichkeit nach nicht zu einem Zuwachs an häuslicher Gewalt geführt. Was eine gute Nachricht ist! Die Zahlen sind aber leider sowieso zu hoch. Patchwork bereitet deshalb eine Präventionskampagne vor. Unter dem Motto „Vergiftete Liebe“ finden Aktionen, Vorträge und Gespräche statt.

Veranstaltungen im Spätsommer

“Wir helfen betroffenen Frauen zu erkennen, wie komplex und schwer durchschaubar vergiftete Beziehungen sein können.“ Hinweise und Veranstaltungstermine veröffentlichen die Organisatorinnen auf den Websites der Diakonie Hamburg-West/Südholstein und der Website von Patchwork.

Gut, dass es Patchwork und andere Beratungsstellen gibt, überlegt der Reporter. Ihm fehlte damals die Information. Aber das ist mehr als dreißig Jahre her. Wenn ihm die Frau in Altona begegnet, weicht sie ihm aus. Opfer von Gewalt leiden nicht nur, sie schämen sich auch. Da gibt es für Beraterinnen noch einiges zu tun.

24/06/2020 Viele Wenig sind viel

Erleben wir im Gefolge des Lockdowns einen Anstieg der Not? Die Bundesagentur für Arbeit rechnet für den Sommer mit mehr als drei Millionen Arbeitslosen. Was muss geschehen, wenn noch mehr Menschen ihre Sicherheit, ihre Ersparnisse, ihre Wohnung verlieren?

Jana Meyer, Leiterin der TAS Norderstedt, sprach von einem bevorstehenden Tsunami. Die aufgeschobenen Mietforderungen würden jetzt fällig. Viele ihrer Klient*innen seien nicht zahlungsfähig, fürchtet sie.

Strategie der kleinen Schritte

„Wir sehen manches mit Sorge,“ erklärt Maren von der Heide, Geschäftsführerin der Diakonie HHSH. „Wir brauchen jetzt unseren Sachverstand und müssen unsere Ressourcen nutzen. Gegen den Anstieg sozialer Not setzen wir auf überschaubare und stabile Projekte, die Sicherheit bieten.“

Jana Meyer hatte auch auf die Wohnungsnot in Norderstedt und anderswo hingewiesen. Es würden seit Jahren viel zu wenig bezahlbare Mietshäuser gebaut. Hier trägt die Strategie, die Zeichen setzt und konkret Hilfe leistet, bereits  Früchte. Die Geschäftsstelle ist längerem dabei, Bauprojekte zu entwickeln. Erste Erfahrungen sammelte sie mit  dem Wohnhaus für Frauen, die mit ihren Kindern aus dem Frauenhaus ausziehen wollen. Es ist bald bezugsfertig.

„Dieses Projekt ermutigt uns, an die Wurzeln der Wohnungsnot zu gehen. Wir sind bereit, Verantwortung zu tragen,“erklärt Maren von der Heyde. Bisher kooperiert die Diakonie erfogreich mit dem Bauträger bauwerk im Kirchenkreis. Weitere Partner werden noch gesucht.

Hand in Hand mit dem NDR

Der Norddeutsche Rundfunk (NDR) hält die Diakonie offenbar für fähig, soziale Phantasie und Tatkraft zu organisieren. Nach nur zwei Jahren wird der öffentlich-rechtliche Sender wieder mit Diakonie und Caritas zusammen die Spendenaktion „Hand in Hand“ organisieren.

„Klasse“, finden das die beiden Leiterinnen der Geschäftsstelle. „Wir werden schon am Freitag mit den Leitungskräften unserer Einrichtungen konferieren und die Kolleg*innen bitten, Ideen zu entwickeln,“ kündigt Andrea Makies, die kaufm. Geschäftsführerin, an.

Der Tsunami, von dem wir sprechen, ist ja keine Naturkatastrophe, denkt der Reporter auf dem Weg ins Büro und deklamiert: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch,“ als plötzlich der Bürgersteg vibriert. Unter dem Asphalt rauscht die S-Bahn durch den Citytunnel.

18/06/2020 Nach dem Virus der Tsunami

Gemeinsam gegen das Virus. Geradezu verzweifelt wird in den letzten Wochen der Kitt der Gesellschaft beschworen. Ein Mantra gegen die Angst, denkt der Reporter. Etwas springt aus der Reihe. Wie die Fahrgäste der S-Bahn, die hektisch aufstehen, in sich gekehrt, wortlos einen freien Platz suchen, weil ihnen vermeintlich jemand zu nahe kam.

Ruhe vor dem Sturm

Das spürt der Reporter plötzlich, als er Jana Mever zuhört. Mit gerade mal 32 Jahren ist sie eine der energiegeladenen jungen Leitungskräfte der Diakonie Hamburg-West/Südholstein. Wie gut die Neuen den Einrichtungen tun. Der Reporter sagt damit nichts gegen die Alten, die fast alle jünger sind als er. Wer früh Verantwortung tragen darf, gibt das Vertrauen doppelt zurück. Wenn das die Rechnung ist, scheint sie aufzugehen.

Die Leiterin der Tagesaufenthaltsstätte für Wohnungslose in Norderstedt erzählt von den Improvisationen, die nötig waren, um den Kontakt zu den Notleidenden nicht abreißen zu lassen. Aus dem Kellerfenster heraus habe man warme Mahlzeiten verteilt. Und dann sagt sie: „Ich erwarte so etwas wie einen Tsunami. Eine Welle von Bedürftigkeit. Wir beobachten gerade, was es bedeutet, wenn eine Sicherheit nach der anderen zerbricht.“ Vielen ginge es jetzt so. Wer kurzarbeiten muss, dem gehe die Puste aus. Die Kosten laufen weiter. Auch die Miete für die Wohnung, die während des Shutdowns gestundet wurde. Das summiert sich jetzt.

Leben am Abgrund

Der Wohnungsmarkt in Norderstedt sei schon lange leergefegt, jetzt werde es auch auf dem Arbeitsmarkt eng. Für viele werde die Kurzarbeit der Vorgeschmack auf den Stellenverlust, vermutet die Sozialberaterin. Das gehöre zu den schwer abzuschätzenden Virus-Folgen.  Arbeit und Wohnungen hat sie nicht im Angebot. Aber guten Rat, also mehr als warme  Worte. „Wenn die Betroffenen früh genug kommen, können wir oft noch das Schlimmste abwenden. Wir sind hier in der Stadt gut vernetzt.“

Gefragt, was unbedingt noch ins Blog gehört, wünscht sich Jana Meyer ein Lob Ihres Teams: „Wie alle mitgezogen haben, das war klasse.“ Das ist doch ein versöhnliches Ende, denkt der Reporter beim Abschied. Irgendwie beunruhigt macht er sich auf den Weg in sein Büro.